Dorf Tirols Johanneum auf alten Ansichtskarten

Das Johanneum in Dorf Tirol – ein großes Haus und eine Geschichte, die nicht vergessen werden sollte
Vom St.-Fidelis-Haus zum prägenden Bildungsort über Meran
Wer heute durch Dorf Tirol geht und auf das mächtige Johanneum blickt, kann sich kaum vorstellen, wie viel Leben sich einmal hinter diesen Mauern abgespielt hat. Heute wirkt der große Gebäudekomplex still, teilweise verlassen und von den vergangenen Jahrzehnten gezeichnet. Alte Ansichtskarten erzählen dagegen eine völlig andere Geschichte. Auf ihnen präsentiert sich das Haus stolz, gepflegt und weithin sichtbar – als einer jener Orte, die das Bild von Dorf Tirol über viele Jahrzehnte mitgeprägt haben.
Dabei begann die Geschichte des Johanneums keineswegs in Dorf Tirol.
Die eigentlichen Wurzeln reichen bis ins Jahr 1840 zurück. Damals gründete Fürstbischof Johann Nepomuk von Tschiderer in Bozen ein bischöfliches Studentenkonvikt. Sein Anliegen war es, begabten jungen Männern eine Ausbildung zu ermöglichen und gleichzeitig Nachwuchs für den Priesterberuf zu gewinnen. Zunächst besuchten die Schüler bestehende Gymnasien und lebten gemeinsam im Konvikt. Später kam ein zweiter Standort in Meran hinzu.
Seit 1856 trug die Einrichtung zu Ehren ihres Gründers den Namen Johanneum.
Mit dem großen Gebäude, das wir heute in Dorf Tirol kennen, hatte dieses erste Johanneum allerdings noch nichts zu tun.

Am Anfang stand der Lindenhof
Die Geschichte des eigentlichen Gebäudes beginnt erst einige Jahrzehnte später.
Die Kapuziner erwarben 1908 in Dorf Tirol den sogenannten Lindenhof. Innerhalb weniger Jahre entstand dort das St.-Fidelis-Haus, ein Kinderheim des Seraphischen Liebeswerks. Dieses Hilfswerk der Kapuziner kümmerte sich vor allem um Kinder, die aus schwierigen oder armen Verhältnissen kamen und Unterstützung brauchten.
Das Gebäude wurde von den Baumeistern Musch & Lun im Stil des späten Historismus errichtet. Schon damals war die Anlage beeindruckend: ein großer, beinahe schlossartig wirkender Komplex mit langen Gebäudeflügeln, Türmen, zahlreichen Fenstern und einer eigenen religiösen Prägung.
Alte Ansichtskarten aus dieser Zeit tragen noch Aufschriften wie:
„St. Fidelis-Haus I. Dorf Tirol – Liebeswerk-Anstalt“
Auf manchen dieser Karten stehen Kinder auf der Wiese vor dem Gebäude. Sie wirken winzig gegenüber dem mächtigen Haus hinter ihnen. Gerade solche Bilder machen deutlich, dass hier nicht einfach nur ein Bauwerk entstand. Für viele Kinder war dies über Jahre hinweg ihr Zuhause, ihre Schule und ein großer Teil ihrer Kindheit.
Doch die politische Entwicklung Südtirols sollte auch dieses Haus verändern.
1928 – ein entscheidendes Jahr
Nach dem Ersten Weltkrieg kam Südtirol zu Italien. Unter dem Faschismus begann eine massive Italianisierungspolitik, die besonders die deutsche Sprache und das deutschsprachige Schulwesen traf.
In dieser schwierigen Zeit bekam das St.-Fidelis-Haus eine völlig neue Aufgabe.
1928 wurden die bisherigen Johanneen von Bozen und Meran zusammengelegt und nach Dorf Tirol verlegt. Das St.-Fidelis-Haus wurde zunächst gepachtet und zum neuen Sitz des bischöflichen Johanneums.
Damit begann jenes Kapitel, mit dem das Gebäude bis heute verbunden wird.
Das Johanneum wurde zu einem kirchlichen Konvikt und humanistischen Privatgymnasium. Gerade in der Zeit der faschistischen Italianisierung bekam diese Einrichtung eine besondere Bedeutung. Während deutschsprachiger Unterricht in Südtirol weitgehend verdrängt worden war, konnte in kirchlichen Einrichtungen wie dem Johanneum und dem Vinzentinum in Brixen weiterhin auf Deutsch unterrichtet werden.
Damit war das Johanneum weit mehr als nur eine Schule.
Es wurde zu einem Ort, an dem Sprache, Bildung und kulturelle Identität weitergegeben werden konnten.
Wenn man heute eine Ansichtskarte des Hauses aus den späten 1920er- oder 1930er-Jahren betrachtet, sieht man deshalb nicht einfach nur ein großes Schulgebäude. Hinter diesen Fenstern spielte sich ein Stück Südtiroler Zeitgeschichte ab.
Ein eigener kleiner Kosmos
Für die Schüler war das Johanneum eine Welt für sich.
Hier wurde gelernt, gebetet, gegessen, gespielt und gelebt. Viele Jungen verbrachten einen großen Teil ihrer Jugend innerhalb dieser Mauern. Der Tagesablauf war geregelt und sicher deutlich strenger als jener heutiger Schüler.
Das ursprüngliche Ziel blieb lange Zeit klar: Das Johanneum sollte junge Männer auf einen möglichen geistlichen Lebensweg vorbereiten. Doch längst nicht jeder Schüler wurde später Priester. Für viele war das Johanneum schlicht der Ort, an dem sie ihre schulische Ausbildung erhielten und wichtige Jahre ihres Lebens verbrachten.
Mit der Zeit entwickelte sich rund um das eigentliche Schulgebäude eine umfangreiche Infrastruktur. Es gab Unterrichtsräume, Schlafräume, Speisesäle, eine Kirche, später Sportmöglichkeiten, einen Theaterraum und weitere Erweiterungsbauten.
Das Johanneum war damit fast ein kleines Dorf im Dorf.
Und doch blieb die Verbindung zu Dorf Tirol immer vorhanden. Generationen von Einheimischen kannten die Schüler, Lehrer und Geistlichen. Das große Haus gehörte irgendwann ganz selbstverständlich zum Ortsbild.
Kriegsjahre – plötzlich ein Spital
Auch der Zweite Weltkrieg hinterließ seine Spuren.
Von 1943 bis 1945 musste der Unterricht unterbrochen werden. Das Gebäude wurde in diesen Jahren als Notreservespital genutzt.
Wieder änderte sich die Funktion der Räume. Dort, wo zuvor Schüler gelernt und gelebt hatten, wurden nun Verwundete und Kranke versorgt.
Nach Kriegsende konnte das Johanneum seine ursprüngliche Aufgabe wieder aufnehmen. 1949 ging der Gebäudekomplex schließlich vollständig in den Besitz der Erzdiözese Trient über.
Mit der Neuordnung der Südtiroler Diözesen kam das Johanneum 1964 zur Diözese Bozen-Brixen.
Die großen Jahre des Johanneums
Besonders die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg waren eine bedeutende Zeit für das Haus.
Wer alte Ansichtskarten von Dorf Tirol aus den 1950er- und 1960er-Jahren betrachtet, entdeckt das Johanneum immer wieder. Meist liegt es etwas oberhalb oder abseits des eigentlichen Dorfkerns und fällt allein durch seine Größe sofort auf.
Auf manchen Karten wird es sogar bewusst hervorgehoben.
Das ist kein Zufall.
Das Johanneum war damals ein bedeutender Bildungsort und hatte eine entsprechend große Zahl an Schülern. Der Gebäudekomplex wurde erweitert und den Bedürfnissen der Zeit angepasst. Es entstanden unter anderem ein Professorentrakt, Sportanlagen, eine Turnhalle und neue Gemeinschaftsräume. Auch Kirche und Theatersaal wurden verändert oder modernisiert.
1968 erhielten die Schulabschlüsse des Johanneums die staatliche Anerkennung.
Damit hatte sich die ehemalige kirchliche Ausbildungsstätte längst zu einer vollwertigen Schule entwickelt, ohne ihre religiösen Wurzeln zu verlieren.
Das Leben dort bestand übrigens nicht nur aus Unterricht und Gebet. Theater, Musik und Sport spielten ebenfalls eine wichtige Rolle. Gerade solche Dinge prägen oft stärker als Unterrichtsstunden die Erinnerungen ehemaliger Schüler.
Ein besonderer Schatz: die Bibliothek
Zum Johanneum gehörte auch eine bemerkenswerte Bibliothek.
Über Jahrzehnte hinweg wuchs der Bestand auf rund 38.000 Bände an. Darunter befanden sich Werke zu Geschichte, Naturkunde, deutscher Sprache und Literatur sowie zahlreiche Bücher mit Bezug zu Tirol.
Besonders interessant ist eine Gruppe von etwa 2.600 älteren Büchern, die in den 1950er-Jahren aus der Fürstbischöflichen Bibliothek in Trient ausgeschieden werden sollten. Generalvikar Josef Kögl rettete sie und brachte sie ins Johanneum.
Mehr als 400 dieser Bücher tragen sogar das Exlibris des Johanneum-Gründers Johann Nepomuk von Tschiderer.
Das älteste erhaltene Buch des Johanneum-Bestandes stammt aus dem Jahr 1507.
Die Bücher haben das Ende der Schule überlebt. Seit 2007 befindet sich die vollständige Studienbibliothek des ehemaligen Johanneums im Vinzentinum in Brixen.
So ist zumindest ein wichtiger Teil dieses Hauses bis heute lebendig geblieben.
Als die Schüler immer weniger wurden
Doch die Zeiten änderten sich.
Das klassische Knabenseminar verlor zunehmend seine ursprüngliche Bedeutung. Gesellschaft, Kirche und Bildungswesen veränderten sich grundlegend. Immer weniger junge Männer entschieden sich für den Priesterberuf, gleichzeitig wuchsen außerhalb kirchlicher Einrichtungen die schulischen Möglichkeiten.
Was über Jahrzehnte selbstverständlich gewesen war, funktionierte irgendwann nicht mehr.
1997 endete der eigene Schulbetrieb des Johanneums.
Das Haus blieb zunächst noch als bischöfliches Konvikt bestehen. Jüngere Schüler besuchten die staatliche Mittelschule, ältere Schüler Schulen in Meran.
Aber auch die Zahl der Internatsschüler sank weiter.
Am 30. Juni 2001 wurde schließlich auch das Johanneum als Heim geschlossen.
Nach 161 Jahren Geschichte endete damit die Institution Johanneum.
Und plötzlich wurde es still in einem Haus, das über Generationen voller Stimmen gewesen war.
Vom Bildungsort zum Sorgenkind
Vielleicht beginnt hier das traurigste Kapitel dieser Geschichte.
Ein Gebäude dieser Größe lässt sich nicht einfach nebenbei weiterverwenden. Tausende Quadratmeter, Denkmalschutz, hohe Sanierungskosten und die Frage nach einer sinnvollen Nutzung machten jede Lösung schwierig.
Die Immobilie ging schließlich in private Hände über. Seit 2008 gehört das ehemalige Johanneum der Unternehmerfamilie Gostner.
In den folgenden Jahren gab es immer wieder große Pläne.
Ein Hotel wurde diskutiert. Später sollte eine Seniorenresidenz mit Gesundheits- oder Therapieangebot entstehen. Auch leistbares Wohnen, Studentenunterkünfte und Bildungseinrichtungen wurden immer wieder ins Gespräch gebracht.
2011 begannen sogar Arbeiten für einen Umbau zu einer Seniorenstruktur. Doch das Projekt kam zum Stillstand.
Seitdem wartet das Johanneum.
Und mit jedem Jahr des Leerstands wird diese Aufgabe schwieriger.
Teile der Gebäude wurden entkernt, andere Bereiche sind sichtbar gealtert. Wer ältere Ansichtskarten mit dem heutigen Zustand vergleicht, erkennt kaum, wie viel Leben einmal in diesem Haus steckte.
Und heute?
Auch 2026 ist die Zukunft des Johanneums noch nicht entschieden.
Das denkmalgeschützte Gebäude befindet sich weiterhin in Privatbesitz. Das gesamte Areal steht wieder zum Verkauf beziehungsweise es werden Partner für eine künftige Entwicklung gesucht.
Eine wichtige Rolle spielt dabei die sogenannte soziale Bindung des Grundstücks. Die Gemeinde Dorf Tirol hält daran fest, dass das Areal auch künftig einer sozial verträglichen Nutzung dienen soll.
Genau darin liegt möglicherweise die große Herausforderung – aber vielleicht auch die große Chance.
Denn ausgerechnet ein Gebäude, das über so viele Jahrzehnte der Bildung, Betreuung und Gemeinschaft gedient hat, könnte irgendwann wieder eine Aufgabe bekommen, die Menschen zugutekommt.
Ob Seniorenheim, Wohnungen, Bildungsstätte oder eine ganz andere Idee: Entscheidend wird sein, ob es gelingt, diesem riesigen Haus wieder Leben zu geben.
Ein Haus voller Erinnerungen
Ich sehe Kinder auf einer Wiese vor dem St.-Fidelis-Haus.
Ich stelle mir Schüler vor, die morgens durch lange Gänge zum Unterricht liefen.
Lehrer und Geistliche, die hier Jahrzehnte ihres Lebens verbrachten.
Theateraufführungen, Fußballspiele, Gottesdienste, Prüfungstage und wahrscheinlich auch so manchen Schüler, der lieber aus dem Fenster schaute als auf sein Schulbuch.
Genau darin liegt für mich die eigentliche Bedeutung des Johanneums.
Ein Gebäude kann leer stehen. Es kann altern. Fenster können blind werden und Dächer und Fassaden ihre besten Zeiten hinter sich haben.
Aber die Geschichte eines Hauses verschwindet deshalb nicht.
Das Johanneum gehört zu Dorf Tirol wie viele andere markante Orte auch. Nicht weil es eine Burg oder ein Schloss ist, sondern weil hier Generationen von Menschen einen Teil ihres Lebens verbracht haben.
Vielleicht bekommt dieses Haus irgendwann wieder eine Zukunft.
Zu wünschen wäre es ihm.
Denn nach all den Jahrzehnten sollte das letzte Kapitel des Johanneums nicht einfach nur „Leerstand“ heißen.

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